Das "Warum"

Christoph und ich haben uns zu unterschiedlichen Zeiten und unabhängig voneinander für diese Art zu leben entschieden. Für ihn war es ein logischer Schritt auf dem Weg zur Verwirklichung einer Vision, die ihn schon seit der Kindheit begleitete. Ich suchte nach einem Ausweg aus dem „Hamsterrad“ des sogenannten normalen Lebens. Wir fühlten beide, dass wir in der heutigen Lebens- und Arbeitswelt, die viel zu schnell und zu komplex ist, um sich vollwertig zu spüren und zu erleben, fehl am Platz sind und suchten deshalb einen alternativen, eigenverantwortlichen Weg, den wir glauben, hier gefunden zu haben.

 

Das „Warum?“ ist eine der großen Fragen, die sich jedem stellt, der neue Schritte in seinem Leben gehen möchte. Lohnt es sich, die alten und bekannten Strukturen aufzugeben? Meine Strukturen, die mir bisher Sicherheit gaben? Wohnung? Arbeit? Soziales Umfeld? Wiegt der Mehrwert des Neuen das auf?

 

Eine Entscheidung für ein Leben wie dieses braucht den vollen Einsatz. Es gilt zu bedenken, dass man dabei quasi auf die „reset-taste“ seines Lebens drückt: Auswandern in ein fremdes Land und Neustart auf einer Art „ground zero“. Die gewohnten Lebensumstände sind nicht mehr vorhanden, es gibt kein Wasser und kein Strom, keine Toilette, nichts. Dafür die Chance, selbstbestimmt zu entscheiden: Was will ich? Und was nicht! Es erfordert Mut, bewusst aus den gesellschaftlichen Strukturen herauszutreten und man ist gezwungen, viele der bisher fraglos übernommenen Allgemeinplätze zu hinterfragen. Was braucht man wirklich zum Leben und wie viel davon ist Manipulation? Und es erfordert auch Mut, je nach Entscheidung für ein „nein“ einzutreten, eventuell auch gegen die Meinung nahestehender Menschen, denn die Familie desjenigen, der sich für diesen Schritt entscheidet, wird in jedem Fall auch gefordert. Ein Stück Brachland bewohnbar zu machen, ein Haus zu bauen und das Einstehen für die eigenen Wünsche erfordert Arbeit. Die letzten drei Jahre gab es für uns kein Wochenende und keinen Feiertag, aber wir haben jede einzelne Minute davon für UNS gearbeitet. Wir durften selbst entscheiden, was uns wichtig ist und wofür wir unsere Zeit einsetzen.

 

Wir kommen unserem Wunsch, ein Stück Land zu beseelen, dabei so naturnah, nachhaltig und selbstversorgerisch wie möglich zu leben, immer näher. Bis wir das endgültig geschafft haben, ist es zwar noch ein weiter Weg – eigentlich ein Lebensziel, welches wohl nie abgeschlossen sein wird – aber wir gehen in die richtige Richtung. Uns ist klar, dass wir noch immer ein Auto fahren, das Benzin verbraucht, ebenso wie die Generatoren zum Wasser pumpen und für größere Maschinen. Ebenso, dass unsere Solarbatterien nicht gerade die nachhaltigsten Gegenstände unter der Sonne sind, aber momentan benötigen wir diese Dinge noch. Viele Dinge, die man im urbanen Leben ganz selbstverständlich voraussetzt, wie Strom auf Knopfdruck, fließend Wasser, wenn man den Hahn aufdreht oder eine warme Wohnung, wenn man nach Hause kommt, erfordern nun unseren persönlichen Einsatz und unseren bewussten Umgang mit den Ressourcen. Wir verändern uns gleichzeitig mit unserem Land und so verändern sich auch unsere Bedürfnisse. Durch fehlende Ablenkungsmöglichkeiten wie Fernseher etc. ist es schwieriger, vor sich selbst weg zu laufen, man wird mit sich selbst konfrontiert. Und durch den gemeinsamen Lebens- und Arbeitsbereich werden wir auch mit einander konfrontiert. Durch die fehlende Ablenkung bemerken wir Veränderungen in uns eher, das ist nicht immer leicht, denn genau wie man die Freude eher bemerkt, packt einen die Traurigkeit auch fester. Wir akzeptieren das als einen Teil unserer Entwicklung, gleichzeitig genießen wir die Ruhe in unserem Leben, sogenannte Katastrophenmeldungen bekommen wir gar nicht mit, sind völlig unbeleckt von saisonalen Bombardements auf die Sinne, wie zum Beispiel dem Vorweihnachts-Wahnsinn und es gibt keinen Freizeitstress für uns. Wir können Samstags abends um acht Uhr im Bett liegen, ohne das Gefühl zu haben, dass wir gerade etwas verpassen und das Wochenende besser nutzen sollten…

 

 

Mitglied im Verein terra animam